| Der Komplex “Ich kann nicht!” |
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Seit längerer Zeit hört man bei vielen Muslimen immer wieder Symptome, die auf den Komplex "Ich kann nicht" hinweisen. Eine Krankheit, die das psychische Gemüt unserer Umma erreicht hat. Eine Krankheit, die uns lähmt und uns davon abhält, das zu tun was Allah uns geboten hat. Ein Vorwand den viele Muslime als eine Entschuldigung ihrer passiven Haltung gegenüber dem Islam verwenden und meistens auch noch einen quranischen Vers einsetzen, der ihnen als Beweis Stützung erweisen soll. In Wahrheit ist dem aber nicht so. Natürlich ist uns allen bewusst, dass es Dinge im Leben gibt, die ausserhalb unserer Fähigkeiten liegen und genau deshalb hatte der Gesandte (saws) die Gewohnheit die neuen Muslime bei ihrem Treueschwur folgendes sagen zu lassen: "Ich werde hören und gehorchen im Rahmen meiner Fähigkeiten". Eben genau dies wird auch in den Worten Allahs angesprochen als Er diesen Vers herabsandte: لاَ يُكَلِّفُ اللّهُ نَفْساً إِلاَّ وُسْعَهَا لَهَا مَا كَسَبَتْ وَعَلَيْهَا مَا اكْتَسَبَتْ "Allah fordert von keiner Seele etwas über das hinaus, was sie zu leisten vermag. Ihr wird zuteil, was sie erworben hat, und über sie kommt, was sie sich zuschulden kommen läßt.(...)" (2:286) Dieser Vers sandte Allah herab, um die Menschen zu erleichtern, um ihnen mitzuteilen, dass sie nicht zur Rechenschaft gezogen werden für Dinge, die ausserhalb ihrer Fähigkeiten liegen. Nur ist es eine Tatsache, dass viele Muslime, diesen Vers heute missbrauchen. So bald ihnen etwas schwierig erscheint, lassen sie die Arme pessimistisch fallen, den Kopf hängen und erwähnen diesen Vers. Um die Bedeutung dieses sehr wichtigen Verses richtig zu verstehen, fassen wir hier kurz seine Geschichte zusammen. Es begann damit, dass Allah den Vers 284 in der Sura Al-Baqarah herabsandte: لِّلَّهِ ما فِي السَّمَاواتِ وَمَا فِي الأَرْضِ وَإِن تُبْدُواْ مَا فِي أَنفُسِكُمْ أَوْ تُخْفُوهُ يُحَاسِبْكُم بِهِ اللّهُ فَيَغْفِرُ لِمَن يَشَاءُ وَيُعَذِّبُ مَن يَشَاءُ وَاللّهُ عَلَى كُلِّ شَيْءٍ قَدِيرٌ "Allah gehört das, was in den Himmeln und was in der Erde ist. Und ob ihr kundtut, was in euren Seelen ist, oder es geheimhaltet, Allah wird euch dafür zur Rechenschaft ziehen. Dann verzeiht Er, wem Er will, und bestraft, wen Er will. Und Allah hat Macht über alle Dinge." (2:284) Als der Gesandte Mohammed (saws) diesen Vers seinen Gefährten verkündete, fühlten sie eine Bedrängnis in ihren Seelen. Sie zeigten es dem Gesandten nicht, doch sie waren unheimlich besorgt durch den Inhalt dieses Verses. Sie hatten für Allah, Seinen Gesandten und Seine Religion, dem Islam, alles gegeben, ihre Heimat, ihren Besitz und Reichtum und selbst ihre Seelen hatten sie Ihm verkauft. Doch, dass selbst die geheimen Gedanken, die eine Seele zu verbergen mag, teil der Abrechnung am Jüngsten sein würden, erschien ihnen eine riesige Last, welche sie nicht loswerden konnten. Dieses Problem bedrückte sie so sehr, dass sie sich gezwungen fühlten, ihrem Führer davon zu berichten. Als sie ihm über ihr Problem mit diesem Vers berichteten, erwiderte er ihnen zurechtweisend: “Wollt ihr etwa so Sprechen wie die Leute der Bücher: “Wir hören aber wir gehorchen nicht”?” Angewidert vom Gedanken gleich zu reagieren wie die Leute der Bücher sagten sie ohne weiter zu zögern: “"Wir hören und gehorchen. Gewähre uns Deine Vergebung, unser Herr, und zu Dir ist die Heimkehr.” Da Allah ihre Bereitschaft sah wirklich alles hinzunehmen, was von Ihm verlangt wird, sandte Er den darauf folgenden Vers 285-286 der Sura Al-Baqarah herab und zu ihrer Erleichterung und der Erleichterung aller Muslime abrogierte Er den Vers 284 der gleichen Sura. Nach der aufrichtigen Aussage der Gefährten bestätigte der Allmächtigte aus den sieben Himmeln herab die Wahrhaftigkeit des Glaubens der Prophetengefährten: آمَنَ الرَّسُولُ بِمَا أُنزِلَ إِلَيْهِ مِن رَّبِّهِ وَالْمُؤْمِنُونَ كُلٌّ آمَنَ بِاللّهِ وَمَلآئِكَتِهِ وَكُتُبِهِ وَرُسُلِهِ لاَ نُفَرِّقُ بَيْنَ أَحَدٍ مِّن رُّسُلِهِ وَقَالُواْ سَمِعْنَا وَأَطَعْنَا غُفْرَانَكَ رَبَّنَا وَإِلَيْكَ الْمَصِيرُ “Der Gesandte glaubt an das, was ihm von seinem Herrn herabgesandt worden ist, ebenso die Gläubigen; sie alle glauben an Allah und an Seine Engel und an Seine Bücher und an Seine Gesandten. Wir machen keinen Unterschied zwischen Seinen Gesandten. Und sie sagen: "Wir hören und gehorchen. Gewähre uns Deine Vergebung, unser Herr, und zu Dir ist die Heimkehr.” (2:285) Nachdem Er ihren Glauben bestätigte, erleichterte Er sie indem Er sagte: لاَ يُكَلِّفُ اللّهُ نَفْساً إِلاَّ وُسْعَهَا لَهَا مَا كَسَبَتْ وَعَلَيْهَا مَا اكْتَسَبَتْ “Allah fordert von keiner Seele etwas über das hinaus, was sie zu leisten vermag. Ihr wird zuteil, was sie erworben hat, und über sie kommt, was sie sich zuschulden kommen läßt.” (2:286)1 Der erste Satz in diesem Vers 286 ist allen falschen Vorstellungen vieler Muslime voraus, vor allem eine Antwort Allahs auf die Besorgnis der Sahabas (Prophetengefährten) und nicht ein Beweis um sich der Verantwortung vieler schwieriger Aufgaben in dieser Religion zu entziehen und sich selbst und anderen einzureden dieser Vers sei eine plausible Entschuldigung für das Versagen, welches wir Muslime in so vielen Bereichen erleben. Denn es ist leider Tatsache, dass wir meist aufgeben, bevor wir wirklich alles, was in unserer Macht liegt, getan haben und dies auf Grund dieses Komplexes “Ich kann nicht”. Wir machen es uns zu einfach. Über Jahre hinweg hat sich diese Haltung, vor allem in Bezug auf die Religion, eingeschlichen und gehört nun schon fast zu unserer allgemeinen Ethik. So nach dem Moto: “wenn es dir zu schwierig ist, dann sorge dich nicht weiter denn Allah verlangt ja von keiner Seele mehr als das, was sie zu ertragen oder leisten vermag” und schon ist das Problem gelöst und man braucht sicherlich auch keine Gewissensbisse zu haben, denn man ist durch Allahs Worte entschuldigt. Denken wir doch einmal an den Fastemonat Ramadan. Viele Muslime, selbst diejenigen, die während dem ganzen Rest des Jahres nichts vom Islam praktizieren, haben in diesem Monat die Kraft für Allah vieles zu opfern. Sie kommen wieder zum Gebet, verlassen einige ihrer Sünden, manche auch alle, enthalten sich der Speise und des Trankes, der bösen Worte, der üblen Blicke und dies alles um Allahs Zufriedenheit zu erlangen. Aber ist uns denn nicht augefallen, dass wir uns von etwas enthalten, das im Grunde genommen sonst immer erlaubt ist? Ja, das Essen und Trinken, wir verlassen es und harren aus. Sollten wir hier nicht eine Lehre daraus ziehen? Eines der Geheimnisse dahinter ist, dass Allah uns erzieht und die folgende Botschaft hinterlässt: “ Während des Monats Ramadan sind wir bereit für Allah selbst die Erlaubten Dinge zu verlassen, weshalb sollten wir denn nicht auch die verbotenen Dinge verlassen können?”
Ich bleibe sprachlos wenn ich trotz dem Reichtum an Potenzial die starke Regression dieser Umma ( muslimische Weltgemeinschaft) beobachte. Wie viele Prüfungen und Spaltungen sind uns nicht widerfahren auf Grund dieser Haltung “Wir können nicht, es ist unmöglich.” Während die Probleme um uns schlagen, versuchen wir ein falsches Idol “Ich kann nicht” zu verteidigen. Aber genauso wie ich sprachlos über unsere Regression bin, bin ich ebenso erstaunt über die Gemeinschaft der Nicht-Muslime, die aus ihren Krisen und Niederlagen einen Ausgangspunkt für den Fortschritt gemacht haben. Denkt doch mal an Japan, das sich aus der Asche von Nagasaki und Hiroshima zu einer der einflussreichsten Weltmächten erhoben hat. Denkt doch mal an Deutschland, das sich aus den Ruinen des zweiten Weltkrieges, innert kürzester Zeit, zu einem der wirtschaftlich stäksten Länder hochgearbeitet hat. Sollten wir nicht die ersten sein, die ein solches Verhalten aufzeigen? Lasst uns nur einmal vorstellen unsere frommen Vorfahren und Helden unserer Geschichte hätten den Pessimismus und die Resignation gelebt, die wir heute leben. Stellt euch vor, die hätten sich mit der Illusion “ Ich kann nicht, es ist unmöglich” zufrieden gegeben, wie sähe dann unsere Umma heute aus? Stellt euch nur vor, Abu Bakr (Allah sei mit ihm zufrieden) hätte vor der Abtrünnigekeit vieler Araber resigniert und gesagt: “Ich kann die Araber nicht bekämpfen, ich muss mich diesem traurigen Erreignis ergeben.” Nur der Gedanken daran, macht mir Gänsehaut. Stellt euch nur vor Imam Ahmad ibn Hanbal wäre in seiner heldenhaften Stellungnahme gegenüber der sogenannten “Prüfung der Erschaffung des Qur’ans“, welche durch die damaligen Herrscher unterstützt wurde, nicht standhaft geblieben und hätte gesagt: „ Ich kann nichts dagegen tun, es ist unmöglich.“ Wäre die Ahl as-Sunna wal djama’a heute noch so wie sie ist? Und hätte Salahu-Din sich der Erniedrigung der Kreuzzügler unterworfen und sich vom Kampf gegen sie entschuldigt mit der Begründung, die Kreuzritter seien besser ausgestattet und wären von vielen Ländern unterstützt… Hätte er akzeptiert, was viele Herrscher seiner Zeit für die Sicherung ihrer Macht akzeptierten, wäre Jerusalem jemals von den Kreuzzüglern befreit worden? Hätte Schaikh ul-islam Ibn Taymiyah nicht ernsthaft die Flagge des Kampfes erhoben gegen die Ereneuerer und Lügner, als diese sich öffentlich Ausdrückten und als der Umma viele politische und militärische Niederlagen widerfuhren… Hätte er sich der Illusion „Ich kann nicht, es ist unmöglich“hingegeben, könnten wir dann dieses enorme Erbe an Heroismus und des Kampfes für das Wissen und gegen die Lügen aus der Geschichte lesen? Unsere lange Geschichte ist voller Pioniere, Wiederbelebende und Helden, welche vorbildhafte Beispiele für die Fähigkeit der Muslime sind, die sich nie ergeben haben. Vielleicht mögen einige einwenden, dass diese Leute ganz besondere Menschen waren und solche heute sehr selten sind. Nun ja, dennoch wussten wir nicht wie besonders sie waren bevor sie Seiten der Geschichte mit ihren brillanten Taten füllten. Zuvor galten sie auch als ganz ordinäre Menschen. Sie waren jedoch aus verschiedenen Gründen fähig die Leiter des Erfolgs hochzuklettern. Und einer der Gründe ist mit Sicherheit die Zerstörung des Komplexes „Ich kann nicht, es ist unmöglich“ Fortsetzung folgt mit dem Titel „ Doch ich kann“, die Wege zum Erfolg.
1 Ibn Kathir, Tafsir Qur’ani l-adhim, dar al-bayan al-hadith, Kairo 2004, Bd. 1, S. 392 ff.
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